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Logik der Teile und Logik des Ganzen

Wahr oder falsch — und die Antinomien

Die fallacy of composition — erklärt

Trugschlüsse in der Ökonomie

Gesamtwirtschaftliches Sparen für später?

Wahr oder falsch — und die Antinomien

Die Logik besteht aus formal wahren oder falschen Grundaussagen sowie Ver­knüpfungs­regeln, die über logische Operatoren wie „und”, „oder” und „nicht” sowie „wenn”­…„dann”, die Ableitung weiterer, zusammengesetzter wahrer oder falscher Aussa­gen erlaubt (in der Logik wird dieses „und” nicht in der ausschlie­ßenden Bedeutung von „und beide” gemeint, sondern als „und/oder”). Formal heißt: ohne die innere Bedeutung für den Menschen zu erfassen (wie schon bei Aristoteles).

Probleme bereiteten in der Vergangenheit die Antinomien. Beispiel: Die Aussage eines Kre­ters, alle Kreter seien Lügner. Was ist daraus abzuleiten?  „Im deutschen Sprach­raum ist es … weitgehend üblich, den Ausdruck ‚Antino­mie’ für solche Widersprüche zu reservie­ren, die im Rahmen eines formalen Systems streng beweisbar sind und somit auf einen Feh­ler bei der Konzeption der Schluss­regeln oder der Axiome dieses Systems hinwei­sen”[1].

Schließlich hat man sich darauf geeinigt, Aussagen von Mitgliedern einer Menge über die Menge selbst generell als „logisch nicht erlaubt” zu erklären. Nun gibt es in der Makro-Öko­nomie viele solche logischen Fehler aufzuräumen.

Die fallacy of composition — erklärt

Der häufigste Trugschluss ist die fallacy of composition (Trugschluss der Verall­gemeine­rung, falsches Folgern vom Teil auf das Ganze, unangebrachtes Sum­mieren aus den Teilen zum Ganzen). Sie kann am Beispiel des Spiels „Die Reise nach Jerusalem” ge­zeigt wer­den. Vier Spieler tanzen nach Musik um drei Stühle im Kreis her­um (allgemein n+1 Spieler um n Stühle). Bricht die Musik plötzlich ab, soll sich je­der Spieler einen freien Stuhl suchen und beset­zen. Offen­sichtlich muss dabei immer einer stehen blei­ben: er ist der Verlierer.

(Hier soll eine Animation eingefügt werden)

In der Praxis fällt auf, dass Einige häufiger Verlierer sind und Andere selten oder gar nicht. Nun wollen wir einem häufigen Verlierer die Chance geben, selten zu verlieren. Wir brin­gen ihm bei, schon während des Umkreisens den nächsten Stuhl auszuwählen und im Blick zu behalten, trainieren seine Reak­tionsgeschwindigkeit und das Eilen und Setzen auf den Stuhl. Wir könnten ihn auch mit Kaffee wacher und konzentrierter machen. Wahr­schein­lich wird er so nur noch selten Verlierer: er hat seine Chancen deutlich ver­bessert.

Nun wollen wir alle Spieler so fördern in der (naïven) Hoffnung, dass es keine Verlierer mehr geben wird. Was ist das Ergebnis? Makro-Betrach­tung: Es ist immer noch ein Stuhl zu wenig. Die Verbesserung der Fähigkeiten der Einzelnen ändert insgesamt nichts.

Schlussfolgerung: Nicht alles, was bei einzelnen Teilen wirkt, wirkt so auch beim Ganzen. Was dem Gewinn der einzelnen Firma nützt (z.B. Effizienz, Pro­dukti­vitätssteigerung, Mono­polverhalten) oder dem einzelnen Arbeitnehmer schadet (z.B. Ausbeutung), nützt nicht auch dem Gesamtgewinn oder schadet nicht auch der Gesamt-Arbeitnehmerschaft. Das macht die Makro-Ökonomie so wenig intuitiv, aber auch so interessant und wichtig.

Generell versagt das Zusammenrechnen von unten nach oben, wenn es eine Gegenkraft gibt, die das Gesamte (z.B. den Gesamtgewinn) auf eine bestimmte Größe drückt oder hebt. Und beim Gesamtgewinn ist dies das Verschulden an­derer Sektoren (in der Reinen Konsumwirtschaft also das der Privathaushalte).

Wenn es, wie gezeigt wurde, für den Gesamtgewinn gesamtwirtschaftlich eine Obergrenze gibt, die gleichzeitig gesamtwirtschaftlich die Untergrenze ist, können alle die Fak­toren, die einzelwirtschaftlich als Gewinnursachen genannt werden, nur auf den relativen Gewinn wir­ken, also die unterschiedliche Vertei­lung des Gewinns auf die einzelnen Firmen.

Zwei weitere fallacies sind hier von Bedeutung. Kakarot-Handtkes Beispiel einer Fallacy of Insufficient Abstraction sieht er im „Sich-Verfangen in den vielen äußeren Formen von Geld. Der abstrakte Kern des Phänomens ist: Geld = Information. Es gibt keine Mehrdeu­tigkeit von Geld. Geld besteht in Einlagen bei der Zentralbank. Einlagen bei Geschäftsban­ken sind beinahe Geld, aber nicht Geld. Und alle anderen historischen Formen müssen als Ersatz/Substitut/Prototyp des Realen angesehen werden.”[2]

Das Argumentum ad dictionarium „besteht darin, auf die Definitionen aus einem Lexikon zu verweisen, um seine Behauptungen zu unterstützen.”[3] Egmont Kakarot-Handtke ver­weist darauf als “Humpty Dumpty fallacy”[4] nach dem Zitat aus Lewis Carolls “Through the Looking-Glass”: “‘When I use a word,’ Humpty Dumpty said in rather a scornful tone, ‘it means just what I choose it to mean — neither more nor less.’ Kakarot-Handtke: ”Die Freiheit oder Beliebigkeit der Definition ist eine methodologische Illusion. Sie trifft nur auf die Erstdefinition zu. Danach muss man sicherstellen, dass jede neue Definition konsistent ist mit den vorherigen.”[4, übersetzt]

Trugschlüsse in der Ökonomie

In der Ökonomie wimmelt es nur so von solchen Trugschlüssen. Der gesamte An­satz der Mikrofundierung beruht darauf. Sie geht davon aus, man müsse nur die Verhältnisse aus einer Firma oder einem Markt auf die Ge­samtwirtschaft übertragen. Das könnte aber nur Erfolg haben, wenn sich alle Eigenschaften der Ge­samtwirtschaft aus den Eigenschaften der Firmen oder Märkte ergeben. Aufgrund der Rückwirkung von z.B. gesamtwirtschaftli­chen Ausgaben auf die Einnahmen kann das aber nicht der Fall sein.

Dr. Michael Paetz bringt in seiner aktuel­len Hamburger Uni-Vorlesung „Makro­ökonomik für Betriebswirte”[5] (nur Be­triebs­wirte?) eine kleine Zusammen­stellung verbreiteter Aussa­gen aus Trugschlüssen:
• „Sparen ist gut.”
• „Schulden machen ist schlecht.”
• „Außenhandelsüberschüsse sind gut. Außenhandelsdefizite sind schlecht.”
• „Wir müssen alle wettbewerbsfähiger werden.”

Auch weitere bekannte Trugschlüsse beruhen auf nur einzelwirtschaftlichem Verständnis:
• „Anhebung des Lohnsatzes erhöht den verfügbaren Lohn.” – Nein: da das Preisniveau mitsteigt, bleibt der Reallohn gleich.
• „Ein Aufschlag auf den Preis erhöht den Gewinn.” – Nein: da die Kaufkraft begrenzt ist auf die Lohnsumme, wird weniger gekauft, und der Rest wan­dert auf das Lager oder den Müll. Der Gesamtgewinn bleibt gleich oder sinkt sogar.
• „Ausbeutung erhöht den Gewinn.” – Nein: Ausbeutung ist ein einzelwirt­schaft­liches Phä­nomen mit Auswirkung auf die Konkurrenzsituation in ihrem Markt, aber ohne Einfluss auf den Gesamtgewinn.
• „Monopole und Oligopole verschaffen sich Extragewinne.” – z.T. ja: inner­halb ihrer Märk­te. Den Gesamtgewinn des Firmensektors können sie nicht erhö­hen.

Und so gibt es viele Effekte, die zwar die Bilanz einzelner Firmen verbessern oder auf ein­zelnen Märkten für eine Verschiebung der Gewinne (nämlich der relativen Ge­win­ne) sorgen können, aber keinen Einfluss auf den Gesamtgewinn des Firmen­sektors haben.

Übrigens beruht auch die Ansicht, ein guter Geschäftsmann müsse ein guter Politiker oder wenigstens Wirtschaftspolitiker werden, auf einem Trug­schluss.

Gesamtwirtschaftliches Sparen für später?

In der frühen Bundesrepublik Deutschland hat es eine politische Entscheidung gegeben, die viele Bürger bis heute für vorbildlich halten. Der damalige Finanz­minister Fritz Schäffer ließ bis 1957 über sieben Milliarden Mark „zusam­men­sparen” (wie er jedenfalls meinte), um den geplanten Aufbau der Bun­deswehr zu finanzieren, wie er dachte.

Prof. Fritz Baade[6]: „Das Märchen ist der Glaube, dass wir heute über­schüssige Steu­er­gelder horten könnten.” „Die wissenschaftlichen Beiräte … haben unzweideutig fest­gestellt, dass ‚die Politik der staatlichen Fondsbildung einzelwirtschaftlichem Denken ent­springt’. ‚Eine finanzielle Vorsor­ge für die Zukunft gibt es, volkswirtschaftlich gesehen, überhaupt nicht’” „Wenn er es aber statt dessen der Bank deutscher Länder als zinsloses Darlehen zum Aufheben gibt oder — was auf dasselbe hinausläuft — Ausgleichfsorderun­gen ankauft, so tut er, volkswirtschaftlich gesehen, etwas ganz Schreckliches. Er ver­nich­tet das schöne Geld, das er durch allzu wirksame Finanzpolitik dem Steu­erzahler abge­nom­men hat.”

Prof. Mackenroth stellte 1952 fest: „Nun gilt der einfache und klare Satz, dass aller Sozial­aufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muss.”  Es spielt vor allem bei der Rentenpo­litik eine Rolle und erklärt, dass Ren­ten nicht erspart werden können, son­dern aus einem ver­bind­lichen Anspruch an die spätere Generation oder andere Schuldner zu erhalten sind. Grundsatz: Vorsorgen gelingt volkswirt­schaft­lich nicht durch Sparen und Geldhorten, sondern nur durch eine Kette von Schuldverhältnissen bei der Kapitaldeckung oder „Schulden” aus dem Generationenvertrag beim Umlageverfahren.

Lässt sich die Mackenroth-These umgehen? Man könnte natürlich alle im Alter gebrauchten Lebensmittel in Konserven horten, wenn man soviel Platz zum La­gern hat. Was aber ist mit den benötigten Dienstleistungen? Nach Prof. Rürup gab es noch einen Trick: Kapital verlei­hen an Länder, die kapitalarm sind, eine besonders junge Durchschnittsbevölkerung haben und auf dem Sprung von Schwellenländern in die Industrialisierung sind, um aus deren Ren­dite unsere alternde Bevölkerung zu versorgen. Doch hat dieser Trick nicht funktio­niert. Nach Südkorea und einigen südost-asiatischen Ländern gab es keine solchen „Ti­ger­staa­ten” mehr und wird es wohl auch nicht mehr geben.

Was aber hat dann die Teilprivatiserung der Renten ab 2002, die ja die Alterung der Bevöl­kerung vorwegnehmen und ausgleichen sollte, wirklich gebracht? Das Gleiche wie bei Fritz Schäffer: Die Vernichtung von Geldvermögen, d.h. Teil-Enteig­nung aller ge­setzlich Renten­versicher­ten: Verarmung der Rentner und Zusatz­aufwendun­gen der Beitragszahler.

Ähnlich irrten Annelie Buntenbach vom DGB-Vorstand und der Präsident der Rentenversi­cherung, Axel Reimann, als sie den Aufbau einer durch vorgezoge­ne Beitragserhöhung finanzierten „Demogra­fiereserve” forderten [7]. Das hätte die Beitragszahler ärmer ge­macht, ohne den Rentnern zu nützen.


[1]) WIKIPEDIA: “Antinomie”, abgerufen am 16.12.2018.
[2]) Nick Rowe: “Hydraulic Monetarism”. Kommentar von Egmont Kakarot-Handtke. Worthwhile Canadian Initiative, 25.6.2018.
[3]) RationalWiki: “Argumentum ad dictionarium, abgerufen am 3.1.2019.
[4]) Egmont Kakarot-Handtke: “Humpty Dumpty is back again”, AXEC: New Foundations of Economics, 1.11.2016.
[5]) Michael Paetz: “Makroökonomik für Betriebswirte”, Oktober 2018.
[6]) Fritz Baade: “Das Märchen vom Julius-Turm”. DIE ZEIT, 12.1.1956.
[7]) Peter Thielen: “Für eine Demografiereserve”. Handelsblatt, 8.3.2015.

Oskar Fuhlrott,